Wissen Sie, dass Budapest in Simbabwe liegt? - Eine Buchbesprechung

Suhrkamp Verlag
Suhrkamp Verlag

Budapest, Paradise, Bastard, Chipo, Darling: NoViolet Bulawayo entführt uns nach Simbabwe. Sie hat ein Buch ganz besonderer Art geschrieben.

 

Ihre Protagonisten, Darling, Chipo, Bastard und andere, sind Kinder und Jugendliche, deren Familien im Bürgerkrieg zu Zeiten Mugabes alles verloren haben und nun in einem Slum namens Paradise leben.

 

Eindrucksvoll und aus ungewöhnlicher Sicht entführt Bulawayo ihre Leser in eine Welt, die wir nur von außen her kennen. Sie lässt den Alltag aus Sicht dieser Kinder vor unseren Augen entstehen, der zwar von Armut und Hunger geprägt ist, aber auch eine sehr fröhliche, freie und fantasievolle Seite der Kindheit hat.

 

Selbst in Simbabwe geboren und aufgewachsen, liegt NoViolet Bulawayo eine beschönigende, verklärende Afrika-Beschreibung fern. Aber auch ein Einheitsurteil nach dem Motto „alles ist schlecht“ ist bei ihr nicht zu finden.

Ihre jungen Protagonisten nehmen ihre Umwelt und Gemeinschaft kritisch wahr und hinterfragen soziale Normen, wie z.B. ein kirchliches Ritual des Dorfpredigers und der Gemeindemitglieder, das in Wahrheit eine Vergewaltigung ist.

 

Der Besuch von Vertretern einer NGO, die „Hilfsgüter“ verteilen, wird aus Sicht der Empfänger beschrieben.

Das gibt zu denken.

 

Die Diskrepanz zwischen armen Schwarzen und reichen Weißen, die unterschiedlicher nicht sein kann, erleben die Kinder anhand einer Plünderung eines von weißen Siedlern bewohnten Hauses im Stadtteil Budapest, 

dessen Besitzer verschleppt werden. Als das Haus leer steht, schleichen die Kinder hinein und bestaunen Dinge wie:  

Klimaanlage, Keramiktoilette, Esszimmer, Fotos.

 

In der zweiten Buchhälfte wird Darling, eine der jungen Protagonisten, zu Verwandten in die USA geschickt, um vom heimischen Bürgerkrieg verschont zu bleiben und in der Ferne ein besseres Leben zu führen. Auch hier besticht wieder die ungewöhnliche Sichtweise, da dem Leser nun seine ihm vertraute Welt mit all den gewohnten Annehmlichkeiten und Selbstverständlichkeiten aus Sicht einer jungen Afrikanerin vor Augen geführt wird. Nichts ist dieser Afrikanerin in ihrer neuen Umgebung selbstverständlich:

 

  • Schnee, den es in Simbabwe nicht, in Michigan aber im Überfluss gibt;
  • Nachbarn, die man nicht kennt;
  • Bewegung, die man sich auf einem Laufband verschafft;
  • Kinder, die allein vor einer Spielekonsole sitzen und nicht gemeinsam draußen spielen;
  • Menschen, die so wenig über Afrika wissen.

 

Der Leser erlebt den schleichenden Prozess der Entfremdung und Entwurzelung mit, das Gefühl „wo gehöre ich hin?“. Eher nebensächlich erwähnt Bulawayo, dass ihre Protagonistin illegal in den USA aufwächst. An der Stelle stellt sich dem Leser die Frage der Rückkehr schon nicht mehr.

 

Kurzum: ein vielschichtiger Roman mit einer beeindruckend frischen Sprachgewaltigkeit. Ich mochte nicht aufhören zu lesen und war traurig, als ich den letzten Satz erreichte.

 

"Wir brauchen neue Namen"

Autorin: NoViolet Bulawayo

Erschienen: 18.08.2014 im Suhrkamp Verlag

Gebunden, 264 Seiten

ISBN: 978-3-518-42451-3