Wissen Sie, was Humanitäre Hilfe von Entwicklungszusammenarbeit trennt?

copyright: Reuters (Straßenbau in Kenia)
copyright: Reuters (Straßenbau in Kenia)

Beide Hilfsarten unterscheiden sich hauptsächlich in ihrem geplanten Zeitrahmen. Humanitäre Hilfe ist normalerweise auf einen kürzeren Zeitraum ausgelegt, um Opfern von Natur-, Hungerskatastrophen, Kriegen etc. umgehend mit dem Nötigsten zu versorgen und Leben zu retten. Entwicklungszusammenarbeit hingegen schließt oftmals an die erste Nothilfe an und ist auf einen langen Zeitraum sowie auf strukturellem Aufbau eines Landes (Infrastruktur, Bildung, Wirtschaftsentwicklung etc.) ausgelegt. Die ersten Schwierigkeiten der Abgrenzung liegen auf der Hand: Was ist ein kurzer und was ein langer Zeitraum?

 

Ein weiterer Unterschied liegt im Koordinationsaufwand. Zu beiden Hilfsarten gehören nicht nur Geldzahlungen, sondern auch Materiallieferungen wie z.B. Medikamente, Lebensmittel, Kleidung, die koordiniert werden müssen. Wer entscheidet, ob Geld- oder Materiallieferungen sinnvoller sind? Langfristige Entwicklungszusammenarbeit setzt eine Kooperation zwischen Geber- und Empfängerländer voraus, die gemeinsam die spezifische Situation eines Landes analysieren und entsprechende Unterstützungsmodalitäten koordinieren. Kurz: Sie haben Zeit.

In einer Notlage ist das anders. Geberoganisationen von humanitärer Nothilfe handeln unabhängig voneinander und

Copyright: Helmut Fricke
Copyright: Helmut Fricke

müssen vor allem relativ schnell reagieren. Dies kann zu unabgestimmten Handlungen untereinander und mit zuständigen Staatsstellen oder zu Stau im Abfluss von Hilfsleistungen führen. Auch Kompetenzrangeleien sind häufig nicht ausgeschlossen. Da die Geberorganisationen durch Spendengelder existieren und ihre MitarbeiterInnen bezahlen, müssen sie in Krisenregionen sichtbar sein. Natürlich wollen sie in erster Linie helfen, aber sie sind auch ihren SpenderInnen gegenüber rechenschaftspflichtig und tun dies, indem sie möglichst medienwirksam agieren. Der Spendenmarkt ist eben ein hart umkämpfter Markt und es gibt viele Spendenorganisationen.

 

Katastrophen eignen sich am besten, um Spendengelder einzuwerben. Die spendebereite Öffentlichkeit erfährt von Katastrophen aus den Medien und möchte helfen. Von langjähriger Strukturarbeit in weniger entwickelten Ländern wird nur selten berichtet. Fals alle Geberorganisationen sind auf beiden Gebieten tätig und leisten großartige Arbeit. Nicht alle Spendengelder, die für den Notfall gespendet werden, fließen auch dorthin, sondern werden zum Teil für langfristige Aufbauarbeit genutzt.

 

Aber es gibt noch mehr Fragen:

 

Besonders die Humanitäre Nothilfe läuft Gefahr, in Kriegsregionen durch Hilfsleistungen den Krieg zu verlängern. Militär und Aufständische sind häufig versucht, Hilfslieferungen abzufangen, um ihre eigenen Leute zu versorgen. Korruption ist in vielen Empfängerländern ein Problem.

 

Was tun? Hilfe unterlassen und damit viele Menschen opfern, aber am Ende mehr retten? Oder doch nicht?

 

Hinzu kommen die ökonomischen Auswirkungen. Hilfslieferungen in großem Maße aus den Industrieländern sowie Ankäufe von Materialien und Lebensmitteln in großem Stil in den Nachbarregionen von Krisengebieten bedeuten

 

 

Copyright: AFP (Haiti 2010)
Copyright: AFP (Haiti 2010)

für diese häufig einen ökonomischen Schock. Schock weil es sich um einen unerwarteten Eingriff in den Markt handelt, der das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage dramatisch ändert. Das liegt ganz einfach daran, dass dem gleichbleibenden Angebot z.B. an Lebensmitteln eine übergroße Nachfrage gegenüber steht und somit mit hohen Preissteigerungen einher geht. Produzenten und lokale Käufer werden von der Situation überrascht. Durch große Ankäufe aus der Nachbarregion steigt dort die Nachfrage, die Produktion kann kurzfristig nicht erhöht werden: Das Gut wird knapp, also steigen die Preise. Lokale Käufer können den erhöhten Preis nicht zahlen. Für sie bleibt nichts übrig, sondern der Großteil wird exportiert. Die Erlöse der Produzenten steigen zwar, doch schlagen sich die erhöhten Gewinne kurzfristig nicht in höheren Gehältern nieder. Ein ökonomischer Schock erzeugt daher nicht selten ein weiteres Krisengebiet.

 

Im Empfängerland hingegen führt das Überangebot zu Preissenkungen. Die eigenen Produzenten müssen reagieren und ebenfalls ihr Angebot zu niedrigeren Preisen verkaufen, was zu Verlusten führt. Kleinere Produzenten werden ihre Produktion einstellen müssen, größere ihre Produktion deutlich senken und Kosten einsparen, was zu Entlassungen führt. Ein Teufelskreis entsteht.

Ist der Notfall vorbei und die erhöhten Importe bleiben aus, kann die eigene Landesproduktion nur langsam wieder Fahrt aufnehmen. Das Gut, in unserem Beispiel Lebensmittel, wird knapp und somit teuer, die Bevölkerung leidet Hunger.

 

Seit Jahren gibt es Bestrebungen, die Koordination von Geberländern und großen Organisationen bei Notfällen zu verbessern. 2003 wurde z.B. die "Good Humanitarian Donorship (GHD) Initiative" gegründet sowie in 2005 die UN Organisation "UNOCHA". Der GHD sind bereits 37 Länder beigetreten. Denn nicht nur private Spendengelder, sondern auch staatliche Notfallhilfe wird hauptsächlich über große Organisationen in Krisengebiete geleitet.

 

Bei langfristiger Entwicklungszusammenarbeit ist die Gefahr ökonomischer Schocks nicht gegeben, aber Abhängigkeiten und Korruptionsfallen lauern. Daher wurden verschiedene Instrumente entwickelt wie z.B. Budgethilfe, Programm- und Projekthilfe, SWAps. Doch hierzu mehr in einem späteren Beitrag....

 

Übrigens: Wer mehr zum Thema Humanitäre Hilfe wissen möchte, dem sei das Buch "Die Mitleidsindustrie" der Journalistin Linda Polman empfohlen.