Was heißt eigentlich Entwicklung?

copyright: Somero e.V.
copyright: Somero e.V.

Entwicklungshilfe, Entwicklungszusammenarbeit: Begriffe, die in aller Munde sind. Jeder stellt sich etwas darunter vor; doch gehen wirklich alle von den gleichen Voraussetzungen aus, wenn sie von Entwicklungshilfe sprechen? Wie sinnvoll oder sinnlos sind eigentlich Entwicklungsgelder? Wir wollen in den nächsten Wochen an dieser Stelle versuchen, einen Überblick zu präsentieren. Wir fangen ganz grundsätzlich an und fragen:

 

Entwicklung: Was ist das eigentlich?

 

Leibniz verstand unter entwickeln "das Auswickeln von etwas Eingewickeltem; das Entfalten von noch schlummernden Talenten". (1) 

Und auch bei Kant heißt es, dass "alle Naturanlagen eines Geschöpfs bestimmt sind, sich einmal vollständig und zweckmäßig auszuwickeln". Die Geschöpfe müssen "durch ihre eigene Tätigkeit die Entwicklung ... dereinst zustande bringen".

Diese Perspektive liegt der "Hilfe zur Selbsthilfe" zugrunde.

 

"Jemanden entwickeln" und "sich entwickeln": Für beides sollte gelten, das Vorhandene in eine bestimmte Richtung weiter zu bringen, ob nun mit externer Unterstützung oder aus sich selbst heraus. Beide Begriffe sollten nicht mit dem passiven Begriff "entwickelt werden" verwechselt werden.

 

Dass Entwicklung im Singular steht, ist eigentlich irreführend. Besser wäre die Verwendung des Plural, denn für

jeden Menschen, für jede Gegend, für jede Situation etc. gibt es verschiedene Entwicklungen und selten nur eine Entwicklungsmöglichkeit.(1) Um in unserem Kontext der Entwicklungsarbeit zu bleiben: In Afrika sieht Entwicklung völlig anders aus als in Asien oder Europa; in Uganda anders als in Ghana; in Kampala anders als in Gulu usw. Kulturelle, klimatische, politische, soziale Unterschiede ermöglichen und benötigen andere Entwicklungsformen. Es gibt nicht die eine Entwicklung.

 

Als die Europäer anfingen, die Welt zu entdecken und zu erobern, verbreiteten sie ihre eurozentristische Vorstellung von Entwicklung. Wobei auch sie keine einheitliche europäische Definition mitbrachten. Die "Entwicklung" der Engländer, Franzosen, Spanier, Niederländer sah in ihren jeweiligen Kolonien sehr unterschiedlich aus. Doch alle hatten gemeinsam, dass sie nicht Vorhandenes auswickelten, sondern meist Fremdes überstülpten.

 

Lange Zeit lag im Bereich der Entwicklungspolitik der Fokus auf ökonomischem Wachstum. Auch wenn dies nach

copyright: Somero e.V.
copyright: Somero e.V.

wie vor ein wichtiger Bestandteil ist, so ist der Entwicklungsbegriff inzwischen sehr viel breiter gefasst. Schon 1980 hieß es im Brandt-Bericht, dass Entwicklung "in sich nicht nur die Idee des materiellen Wohlstandes (trägt), sondern auch die von mehr menschlicher Würde, der Sicherheit, Gerechtigkeit und Gleichheit" (2). Ende der 1980er Jahre entwickelten der pakistanische Ökonom Mahbub ul Haq, der indische Ökonom Amartya Sen und der britische Wirtschaftswissenschaftler und Politiker Meghnad Desai als neues Messinstrument den Human Development Index (HDI). Dieser misst neben dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen die Lebenserwartung sowie Schul- und Berufsausbildung und misst damit einen Entwicklungsstand, der sich näher an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. (3)

 

Sich entwickeln heißt aber eben auch, am sozialen Leben teilzuhaben. Armutsreduzierung kann nur gelingen, wenn politische Partizipation und ökonomisches Wachstum Hand in Hand gehen. Das Stichwort lautet "empowerment": Die Menschen müssen befähigt werden, ihre Lebenssituation selbst zu gestalten. Sie brauchen Bildung und Zugang zu (unzensierten) Informationen, um ihre Partizipation an politischen Entscheidungen einfordern und durchsetzen zu können. Hierzu gehören u.a. auch die Entscheidungen über die Verteilung des Staatshaushaltes und die Verwendung von Entwicklungshilfegeldern.

 

Nur wenn die Bevölkerung ausreichend ausgebildet und informiert ist, kann sie sich aus sich heraus entwickeln und ihren Lebensraum selbstbestimmt gestalten. 


(1) Nuscheler, Franz: "Entwicklungspolitik", Dietz-Verlag, 6. Aufl., 2005

(2) Brandt-Bericht, 1980, S. 65

(3) www.wikipedia.org