Wissen Sie, dass 67 Mio Kinder nicht zur Schule gehen?

Schule in Uganda
Schule in Uganda

Und dass rund 796 Mio Erwachsene Analphabeten sind?1 Das sind ca. 17 % der erwachsenen Weltbevölkerung. Die meisten dieser Erwachsenen leben in Süd- und Westasien und in Subsahara Afrika. Grund genug, uns einmal die Bildungssituation in den beiden Ländern genauer anzuschauen, in denen wir uns engagieren: Uganda und Guatemala

 

27 % der Bevölkerung Ugandas über 15 Jahre kann nicht lesen und schreiben2; in Guatemala sind es 26 %.3 Die Bevölkerung in ländlichen Gebieten ist in beiden Ländern am meisten betroffen und hier im besonderen die Frauen.

 

Seit im Jahr 2001 die Millennium-Entwicklungsziele von den Vereinten Nationen verabschiedet wurden, zu denen u.a. das Ziel der „universellen Grundschulbildung“ zählt, haben sowohl Uganda als auch Guatemala die Schulgebühren für öffentliche Grundschulen abgeschafft. Dies hat in beiden Ländern zu einem Anstieg der Einschulungsquoten geführt: In Uganda gehen 91% aller Kinder im relevanten Einschulungsalter zur Schule; in Guatemala sind es 97 %.4

 

Die akzeptablen Einschulungsquoten sagen jedoch noch nichts über die Qualität in den Schulen aus. Leider gibt es in beiden Ländern noch immer viel zu wenig Schulen und Lehrer. Die Klassen sind überfüllt, Lehrbücher und -materialien fehlen, Lehrergehälter sind niedrig oder werden gar nicht ausgezahlt. Dies hat zur Folge, dass Lehrer sich mit Zweit- und Drittjobs über Wasser halten und den Unterricht ausfallen lassen. Statistisch gesehen, kommen in Guatemala auf einen Lehrer in der Grundschule 28 Schülerinnen und Schüler, in Uganda sind es sogar 49 Schülerinnen und Schüler. Da wundert es nicht, dass lediglich 32% der Grundschüler in Uganda die Grundschule erfolgreich beenden – Tendenz sinkend; in Guatemala sind es 65 % - Tendenz steigend. 5

 

Die Situation in den weiterführenden Schulen sieht entsprechend trostlos aus. In Guatemala begannen 42 % aller im relevanten Alter befindlichen jungen Menschen im Jahr 2010 die Secondary School und in Uganda lediglich 28 %.6 Jedoch steigt die Zahl in beiden Ländern kontinuierlich. Auch in diesen Schulen sind die Schulgebühren in beiden Ländern mittlerweile abgeschafft.

 

Beide Schulsysteme unterscheiden übrigens nicht zwischen verschiedenen Schulformen wie z.B. Gymnasium, Real- oder Hauptschule. Diejenigen, die eine weiterführende Schule besuchen, absolvieren sie gemeinsam. Es gibt eine Secondary School I (Mittelstufe) und II (Oberstufe), die mit einer Prüfung zur Hochschulreife abgeschlossen werden kann oder man geht ohne Prüfung in eine berufsqualifizierende Schule. In Uganda und Guatemala unterscheidet sich lediglich die Länge der jeweiligen Stufen.

 

Der Besuch von Universitäten und berufsqualifizierenden Schulen kostet weiterhin viel Geld. Dies spiegelt sich auch in den Besuchszahlen wider, die in Guatemala bei 18 % im Jahr 2007 lagen, in Uganda bei nur 4 % in 2009.7 Neuere Zahlen liegen für beide Länder noch nicht vor.

 

Guatemala
Guatemala

In beiden Ländern, wie in allen Entwicklungsländern, gehen überwiegend die Kinder aus armen Verhältnissen entweder gar nicht oder nur einige Jahre zur Schule. Warum?

 

Der Besuch einer staatlichen Schule ist zwar gebührenfrei, jedoch fallen Kosten für Schuluniform, Bücher, Schreibhefte, Stifte etc. an. Ferner werden in vielen Familien, die sich ihren Lebensunterhalt auf dem Land verdienen, alle Hände in den Pflanz- und Erntezeiten gebraucht. Darüber hinaus müssen nicht selten besonders Mädchen den Haushalt führen oder die Altenpflege und Kleinkindbetreuung übernehmen. Auf dem Land ist die nächstgelegene Schule oftmals weit entfernt; öffentliche Verkehrsmittel fahren zu selten oder existieren erst gar nicht; Fahrräder müssen geteilt werden; was bleibt, ist Laufen. Eltern lassen ihre jungen Kinder nicht gern allein einen weiten Weg gehen und schulen sie dann lieber später, wenn überhaupt, ein. In Uganda müssen ca. 20,8% aller Grundschüler zwischen 3-5 km bis zur nächsten Schule zurück legen (und auch wieder zurück laufen); bei den Schülern der Secondary Schools sind es sogar durchschnittlich 32.5 %, also jeder 3. Schüler.8 Es gibt auch internatsähnliche Schulen, jedoch kosten Übernachtung und Essen wiederum Geld, das arme Familien nicht haben.

 

In Guatemala gebührt ein besonderer Blick auf die Maya-stämmige indianische Bevölkerung. Es gibt 21 unterschiedliche Maya Gruppen mit jeweils einer eigenen Sprache. Die Mehrheit dieser Gruppen lebt in ländlichen Gebieten, zum Teil sehr weit abgelegen. Die Analphabetenrate ist hier besonders hoch: ca. 42 % Männer und 65 % Frauen der Maya-Gruppen auf dem Land können nicht lesen und schreiben.9 Eigentlich ist beabsichtigt, in allen Schulen bilingualen Unterricht, also in Spanisch und in der jeweiligen Muttersprache, abzuhalten. Jedoch boten in 2005 nur ca. 23,9 % aller Schulen in Gegenden mit hohem Ureinwohneranteil zweisprachigen Unterricht an. Da viele Kinder bei der Einschulung noch nie ein Wort Spanisch gehört oder gesprochen hat, verwundert es nicht, dass ca. 76 % aller indigenen Kinder, die auf dem Land leben, die Grundschule vorzeitig verlassen. Somit schließt sich der Kreis, denn die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kinder auch ihr späteres Leben in Armut verbringen, ist sehr hoch.  

 

Zum Schluss bleibt noch ein kurzer Blick auf den Staat und die Finanzen. Schulgebäude zu bauen, reicht nicht aus. Investitionen in die Ausstattung müssen getätigt, langfristiger Unterhalt, Erstellung von aktuellen Lehrmaterialien, Lehrergehälter und Lehrerausbildung müssen gewährleistet werden. Eine Faustregel besagt, dass der Staat mindestens 12 % seines Budgets in den Bildungssektor investieren muss, um die universelle Grundschulbildung zu erreichen. Guatemala hat 18,6 % seines Jahreshaushalts 2011 für die Bildung ausgegeben; für 2012 sind 20,9 % vorgesehen. Laut mehrjährigem Finanzplan bleibt dieser Prozentsatz bis 2014 erhalten.10

 

Uganda hat im Finanzjahr 2010/2011 rund 14.6 % seines Staatshaushalts in die Bildung investiert, sieht aber künftig eine Senkung auf bis zu 10,1 % für das Finanzjahr 2013/14 vor. Ein leichter Anstieg auf 11 % ist für 2014/2015 geplant.11 Der Bildungssektor in Uganda bleibt somit auf Jahre unterfinanziert.

 

Da die absoluten Staatsbudgets beider Länder gering sind, ist Unterstützung von außen nach wie vor dringend notwendig. Wie bereits erwähnt, ist die arme Bevölkerung am meisten betroffen. Untersuchungen zeigen, dass Bildung, auch wenn sie noch so gering ist, starke Effekte auf das Konsumverhalten von Haushalten hat und damit die Wahrscheinlichkeit, von Armut betroffen zu werden oder in chronischer Armut zu verharren, sinkt.12 Auch Gesundheitszustand, Ernährung, Kinder- und Müttersterblichkeit hängen eng mit dem Bildungsniveau in den einzelnen Haushalten und der Mütter im Besonderen zusammen. Und auch das Wirtschaftswachstum eines Landes hängt nicht zuletzt mit der Bildung von „Humankapital“, wie es so schön heißt, zusammen.

 

Vor allem aber ermöglicht Bildung jedem Menschen ein selbstbestimmtes Leben!

 

Quellen:

1Weltbericht 2011 „Entwicklung für Alle“; Deutsche UNESCO-Kommission e.V. (DUK) und BMZ (Hrsg.); letzter Stand der Datenerhebung: 2008

2Weltbank, Data Catalog, www.worlbank.org (letzter Stand der Datenerhebung: 2010)

3eben da (letzter Stand der Datenerhebung: 2009)

4-7Weltbank, Data Catalog, www.worldbank.org

8Uganda National Household Survey 2009/2010; Uganda Bureau of Statistics; Nov 2010

9Fact sheet: Education in Guatemala, Guatemala Human Rights Commission/USA, 2012 (www.ghrc-usa.org)

10Presupuesto Multi-anual 2012-2014; Ministério de Finanzas, Guatemala

11National Development Plan 2010/11 – 2014/15; The Republic of Uganda

12Lawson, D., McKay, A., Okidi, J.: Poverty Persistence and Transitions in Uganda: A Combined Qualitative and Quantitative Analysis, Chronic Poverty Research Centre, CPRC Working Paper No 38, Dec. 2003